Saturday, 25 May 2013

SOKO RPG - Am Anfang ist das Blaulicht?

Ein Gastbeitrag von Liam Kerrington.


Wer die Wahl hat, hat die Qual …

Rollenspielprojekte leben davon, dass im Vorfeld geklärt wird, was gespielt werden soll – Genre, Setting, Spielsystem, Gruppengröße etc. Für das Polizei-Genres ergeben sich dabei u.a. diese Fragen: 

  • Steht im Mittelpunkt ein einzelner Fall oder eine Serien-Tat?
  • Welche Relevanz haben dafür welche Polizei-Einheiten und -aufgaben?
  • Soll sich das Spiel auf eine konkrete Einheit, ein spezifisches Revier oder die Polizei „als Ganzes“ erstrecken?

Ein Rückgriff auf einschlägige TV-Serien und Filme zeigt, wie 'unselbstverständlich' diese Fragen leicht beantwortet werden können: Hill Street Blues, Starsky & Hutch, Cagney and Lacey, CHiPs, The Wire, CSI (diverse), Beverly Hills Cop, Lethal Weapon, Tatort, SOKO, Dick Tracy uvm. „Die Polizei“ kann also ganz unterschiedlich Thema sein, was nicht zuletzt auch jenseits der Pop-Kultur durch mögliche Organisationsstrukturen abgebildet wird.


Kurzum: Von einfachen Straßenpolizisten mit alltäglichen kleinen Polizeiaufgaben über Spezialisten für Spurensicherung bis hin zu SEK/SWAT ist vieles möglich und im Rollenspiel denkbar. Daher sollten dem Spielstart ausreichend Überlegungen vorangestellt werden, worum es eigentlich im Spiel gehen soll. Wichtig ist, dass Fehler, wie sie „The Gentleman Gamer“ (im Weiteren tGG) in seinem YouTube-Video dargestellt hat (siehe Einführungsartikel dieser Beitrags-Serie), nicht passieren - nämlich z.B. diese hier ...

Zombie Squad“ - Oder: Was man u.a. falsch machen kann

In dem Video hat tGG beschrieben, dass er einen Polizisten mit u.a. einem elfischen und einem zwergischen Partner (Problem 1) in der Polizei-Spezial-Einheit „Zombie Squad“ (Problem 2) in Birmingham für Shadowrun 2 gespielt hatte. Der Name fußt auf auf dem 26. Buchstaben des Alphabets, weil „Zombie Squad“ die 26. Polizei-Einheit war. Diese Polizei-Einheit war spezialisiert auf übernatürliche Dinge wie Metamenschen (Freaks), Magie und ungewöhnliche Fälle (Problem 1 und 3).

Zu Problem 1: Obgleich die Polizei-Einheit „Zombie Squad“ auf Ermittlungen gegen „Freaks“ spezialisiert war, hatte sie Metamenschen als Mitglieder . Man mag darüber streiten, ob dieses Bild irgendwie schief ist. Wenn man sich jedenfalls so positioniert, wird deutlich, dass die Zusammensetzung einer Polizei-Einheit letztlich ein stimmiges Gesamtbild ergeben sollte. Das richtet sich an den Spielleiter, der die Einheit „plant“ oder „organisiert“, aber auch an die Spieler, die ihre Charakterwahl entsprechend treffen - ein Scharfschütze oder Anti-Terror-Bekämpfer wird z.B. eher nicht die erste Wahl bei der Besetzung eines Spurensicherungs- oder Profiler-Teams sein.

Zu Problem 2: Sicherlich wird es so sein, dass spezielle Polizei-Einheiten auch besondere 'interne' Bezeichnungen haben – wie z.B. „Zombie Squad“. So eine Bezeichnung hat jedoch regelmäßig eine eigene Geschichte und begründet sich nicht allein aus Nummer und Position eines Buchstaben im Alphabet. Zwar liegt die Bezeichnung in den Händen der Spielrunde; aber auf den ersten Blick witzige oder originelle Bezeichnungen verlieren ihren Zauber, wenn es an der nötigen Substanz hinter der Bezeichnung fehlt; und für das gewisse „Polizei-Gefühl“ wird eine fundierte und typische Dezernats- oder Einheits-Bezeichnung im Zweifel die bessere Wahl sein.

Zu Problem 3: Obwohl das „Zombie Squad“ als Spezial-Einheit mit einem speziellen Aufgaben-Portfolio angelegt war, führten seine Mitglieder Patrouillen im Stadtgebiet durch, wurden sie zu einer typischen Geiselnahme gerufen, folgten sie einem nicht näher spezifizierten Polizeifunk, setzten sie sich als … usw. Das, was hier schief gelaufen war, ist so ziemlich alles – dass nämlich der Großteil der Kriminalfälle nicht auf den Aufgabenbereich der Spezialeinheit zugeschnitten waren. Dadurch verloren die Kategorie „Spezial-Einheit“ sowie die über-originelle Einheits-Bezeichnung an Zauber und damit das Thema „Polizei-Rollenspiel“ an Wirkung.

Diese drei Probleme verdeutlichen, wie sehr die Planungen und Vorbereitungen für das Polizei-Rollenspiel davon leben, dass ein in sich schlüssiges Konzept vom Spielleiter, der Spielrunde und/ oder dem Autoren(team) erarbeitet wird.

Im Grunde ist das wie eine „Vorermittlung“ des Polizei-Rollenspiels schlechthin. Es sollten die Aufgaben der entsprechenden Polizeieinheit, ihre mögliche personelle Zusammensetzung und die sich daran entsprechend anschließenden 'Abenteuer' und Kampagnen sorgfältig überlegt und diese mit weiter Voraussicht ausgewählt werden. Für ein bleibendes positives Spielerlebnis ist eine gewisse innere Schlüssigkeit dieser Vorbereitungen schlicht zwingend.
Wer es realistisch mag, der kann sich mit dem zahlreichen freien Material auf der Internetseiten der unterschiedlichen Polizeibehörden, Wikipedias, sonstigen Datenbanken und Nachrichten sehr gut versorgen und auf diese Weise eine vergleichsweise authentische Polizei-Simulation ermöglichen; notwendig ist dies nicht für ein stimmiges, schlüssiges und abgerundetes Polizei-Rollenspiel. Aber: Je mehr man sich aber selbst überlegt, desto mehr wird man sich mit den übrigen Spielern arrangieren müssen und sich darauf einstellen, möglicherweise auf Unstimmigkeiten im Setting des eigenen Spiels zu stoßen. (Hinweis: Es ist nicht gänzlich ausgeschlossen, dass ich diesem Thema einen eigenen Beitrag widmen werde; das ist aber noch offen.)

Denkbarer Ansatz

Da in aller Regel Rollenspielrunden mehr als nur ein oder zwei Spieler haben, fallen Polizei-Rollenspiele für Kleinsteinheiten (Streifenpolizisten) sowie Polizei-Themen mit einem überschaubaren Ermittlungsrahmen (Ladendiebstahl, nächtliche Ruhestörung) wohl eher aus; auch solche Sachen wie Demonstrationsbegleitung oder arg begrenzte Zuständigkeiten (Drogen-Kontrolle am Flughafen) verlieren wohl schnell an Spielreiz. 

Daher würde ich persönlich empfehlen, solche Dezernate oder Polizei-Einheiten zum Ausgangspunkt des Spiels zu machen, die sich mit großen Themen (Observationskampagnen, Abteilung „Inneres“, Drogen-Milieu, organisierte Kriminalität, Mord-Kommission etc.) beschäftigen, um eine typische Rollenspiel-Gruppe von vier bis sechs Spielern auch unter einen Hut zu bekommen. Funktionieren kann auch, dass alle Spieler verschiedene Polizisten mit unterschiedlichen Rängen und Aufgaben eines oder sogar mehrerer Polizei-Reviere spielen, die dann für eine Ermittlung oder eine Kampagne zu einer Sonderkommission zusammengerufen werden. So können den Spielern „passende Fälle“ präsentiert werden.

Und darum wird es im nächsten Beitrag gehen – den Ausgang der Ermittlungen …

Liam

4 comments:

  1. Ich finde das mit den Freaks in einer Einheit, die sich speziell mit Freaks beschäftigt nicht tragisch. Es hängt in diesen Fällen sehr stark vom Setting ab. Gerade in SR gibt es bespielsweise kaum „wissenschaftliche“ Methoden, um Magie zu entdecken und daher sind solche Leute wohl auch in solchen Einheiten zu finden. Frei nach dem Motto: It takes one to know one.

    Und in manchen Spielen erhöht ja sowas auch das Drama. Siehe dazu auch Mutant City Blues.

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    1. Hallo.

      Ja, ich kann eine solche Position auch gut nachvollziehen. Was für den Einsatz von "Freaks" im Zombie-Squad sprechen könnte, wäre zum Beispiel das besondere Verständnis für Moral, Psyche und szene-typische Verhaltensweisen von Metamenschen, weshalb Metamenschen im Zombie-Squad zum Einsatz kommen könnten. Allerdings kam dies, soweit ich The Gentleman Gamer in seinem Spielbericht verstanden habe, überhaupt nicht zum Tragen.
      Allerdings könnte ich auch ohne weiteres skeptischere Positionen annehmen, wenn man zum Beispiel die Analogie dazu herstellt, wie lange bestimmte oer bestimmbare Personengruppe aus dem Polizeidioensten in verschiedenen Ländern (besonders krass imho Amerika) ausgeschlossen wurden. Berücksichtigt man dann, wie schnell die Metamenschen im Shadowrun-Universum erschienen, wäre es auch nachvollziehbar, dass in Polizeikräften zudem aus logistischen Gründen (Einheitlichkeit der Ausrüstung und Ausbilgung) eher zögerlich "Freaks", also Metamenschen zugelassen würden. "One size fits all" würde nämlich nicht mehr funktionieren ...

      Wie dem auch sei; das Ergebnis dieser Abwägungen lasse ich hier trotzdem offen. Denn dieses Spannungsverhältnis war lediglich der Aufhänger, um letztlich auf die "gewisse Konsistenz" in der Zusammensetzung von Einsatzgruppen zu sprechen zu kommen. Die Polizei-TV-Serien zeigen dies auch besonders deutlich auf: CHiPs zum Beispiel handelt ausschließlich von Highway-Polizeikräften, die zumeist mit Motorrädern unterwegs sind, während Hill Street Blues die durchschnittliche Polizeiwache abbildet; in CSI (welche Version auch immer) oder The Wire stehen wiederum entweder hochspezialisierte oder "bunt zusammengewürfelte" Teams im Mittelpunkt, die aber auf ihren jeweiligen Ermittlungs- oder Betätigungsschwerpunkt abgestimmt sind. Und keine dieser Serien bildet alle denkbaren oder möglichen Polizeieinsatzkräfte ab, sodass die deshalb fehlenden Kräfte auch nicht weiter stören konnten und nicht wirklich fehlen, um ein insgesamt schlüssiges Gesamtbild bzw. themenspezifisches Bild zu zeichnen.

      Wenn ich demnach zum Schluss komme und empfehle, dass Spieler und Spielleiter bei der Planung auf diese Stimmigkeiten achten sollten, dann begründet sich das aus diesen Umständen, weshalb der Anknüpfungspunkt zu dem latenten Widerspruch zwischen dem Zweck des "Zombie Squad" und seiner Zusammensetzung zumindest nicht völlig aus der Luft gegriffen ist.

      Liam

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    2. Ich stimme Stefan zu, man sieht das in vielen Fernsehserien oder Rollenspiel-Settings. Speziell in SR sind die Metamenschen und ihre Fähigkeiten bereits so etabliert, daß es schon fahrlässig wäre, sie nicht auch in den Polizeidienst zu integrieren (zumal dort ja die Voraussetzungen durch die Privatisierung der meisten Behörden sowieso ganz andere sind). Außerdem wären sogleich sämtliche Metahuman-Rights-Aktivisten auf der Strasse, wenn eine rein menschliche Polizeitruppe unter Metamenschen ermittelt oder "aufräumt". Dem muß man schon rein politisch begegnen.

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    3. Hallo.

      Die vermutlich schlüssigeren Argumente sprechen wohl für Euch; angesichts des unterschwelligen Rassismus-Themas in Shadowrun halte ich eine andere Betrachtungsweise dennoch für durchaus vertretbar. Allerdings geht es mir hier nicht um ein mutmaßlich schiefes Bild in Bezug auf Shadowrun, als mehr um die deutlich abstraktere Ebene, die über allem steht bzw. stehen kann. Und da ich eben ob der "Freaks" im Video-Report von tGG hellhörig wurde, habe ich das eben als Aufhänger genommen.

      Wenn ich in der Spielrunde gewesen wäre, dann hätte ich das durchaus zur Sprache gebracht und nach Gründen gefragt. Mir Euren Argumenten hätte ich mich jedenfalls zufriedengegeben.

      Liam

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