Friday, 23 November 2012

TTA - British Space Opera

Es gibt da diese Momente aus der Kindheit und Jugend, an die man sich auch nach vielen Jahren immer mal wieder erinnert. Momente, die einem etwas großes, wundervolles und neues gezeigt haben - etwas, das die Phantasie auf Reisen mitnahm und ein merkbares "Klick" im Kopf ausgelöst hat. Momente, die prägend waren.

Für mich war einer dieser Momente die Entdeckung der Reihe "Galaxis Science-Fiction-Farbbildband: Der Grosse Galaktische Krieg" des Condor-Verlages 1981. Ich glaube, es war bei einem örtlichen Zeitschriftenhändler. Könnte aber auch an der Tankstelle um die Ecke meines Heimathauses gewesen sein. Das "Wo" ist mir nicht mehr so gut in Erinnerung, dafür umso mehr das "Was". Auf dem Cover lockte ein verheißungsvolles Bild, auf dem zwei (für meine damaligen Begriffe) atemberaubend detailliert gezeichnete Raumschiffe im Kampf miteinander waren und das größere von ihnen gerade in einer furchtbaren Explosion zerrissen wurde. Mit gerade mal 12 Jahren betrachtete ich die Szene mit voller, ungetrübter und naiver Faszination. Was mag sich dort abgespielt haben? Meine kindliche Fantasie raste hinaus in das All, zu den Schiffen zwischen den Sternen, um mit dem Geschehen zu verschmelzen. Ich fühlte mich nicht länger auf der Erde - ich war gefangen in einem Abenteuer ferner Galaxien.
Es ist über 30 Jahre später schwierig, zu rekonstruieren, was die genauen Gefühle gewesen sind. Aber meine unbeholfene, blumige Beschreibung dürfte nicht all zu weit von dem entfernt sein, was ich damals empfand. In dem Alter und zu der Zeit war ich gerade voll im Science-Fiction-Fieber - Star Wars (und ich spreche hier von Episode IV) war erst vor kurzer Zeit in deutschen Lichtspielhäusern gelaufen und ich selbst war bereits durch mein Interesse an der Astronomie stark vorbelastet.

Schiffsdesign, das mich damals wie heute begeistert
Ich begann also, diese Bände von meinem Taschengeld zu kaufen - kein billiges Unterfangen, denn 4,- DM waren schon was damals! Bei Condor erschienen:
  1. Die Schlacht im Weltraum
  2. Der Kampf zwischen den Sternen
  3. Die Kampfraumer des Imperiums
  4. Der Vorstoss in die Galaxis
  5. Die Eroberung der Galaxis
  6. Die stählernen Festungen zwischen den Sternen
  7. Die Beherrscher der Galaxis
  8. Die Sternenkämpfer der Raumpatrouille
Nachdem ich mich an den vielen Bildern satt gesehen hatte, führte ich mir auch den Text zu Gemüte und erfuhr vom Aufbruch der Menschheit in den interstellaren Raum, vom McKinley Ionen-Antrieb und dem DeVass-Warpgenerator, der den Flug nach Alpha Centauri ermöglichte, wo man 2035 Kontakt mit den Alphanern aufnahm; von der "Terranischen Handelsbehörde" (TTA - Terran Trade Authority) und ihrem Kampf gegen die Feinde von Proxima Centauri, von den Jägern, Schlachtschiffen und Transportern, die im Krieg eingesetzt wurden. Ich las von den Wracks und Geisterschiffen, die geheimnisvoll und unbesungen auf Planeten, zwischen Asteroiden oder in Umlaufbahnen zurückblieben; von der Starblade, dem schönsten Passagierschiff des Universums, und von seltsamen Objekten, die außerirdischen Ursprungs waren und bislang nicht identifiziert werden konnten. Und ich studierte die fiktiven, technischen Daten, die den Illustrationen der Raumschiffe beigefügt waren. Meine Phantasie glühte, sie raste, sie sehnte sich fast schmerzhaft in diese aufregende Zukunft, von der ich damals überzeugt war, sie würde eintreten. Zuhause und in der Schule fing ich an, Raumschiffe zu zeichnen - entweder abgemalt oder von den Illustrationen inspiriert. Dazu erdachte ich die "technischen Angaben", wie ich es in den Heften gesehen hatte. Oder anders: ich war in ein "Setting" abgetaucht, bevor mir Rollenspiel überhaupt ein Begriff war. Ich kreierte die Ausrüstung und den Hintergrund. Die Rollen fanden in meinem Kopf statt und ich spielte sie alle selbst.

Stewart Cowley
Der Autor dieser Science-Fiction-Reihe ist Stewart Cowley (anfangs zusammen mit Charles Herridge) und die Heftreihe, die der Condor-Verlag zu 8 Ausgaben auswalzte, erschien ursprünglich in 4 Bänden beim englischen Verlagshaus "Hamlyn Publishing Group Ltd": Spacecraft 2000-2100 AD, Great Space Battles, Space Wreck: Ghost Ships and Derelicts of Space und Starliners: Commercial Travel in 2200 AD. In den in mehrere Sprachen übersetzen Büchern beschreibt Cowley ein fiktives SF-Universum und erfindet dafür eine eigene Zeitlinie. Dieses Setting sollte unter dem Namen "Terran Trade Authority" im Laufe der Jahre eine Kultgemeinde um sich scharen, die bis heute aktiv ist. Die verschiedenen Illustratoren, deren Bilder Cowley mit seiner Saga um den Aufbruch der Menschheit zu den Sternen verwob, hatten durchaus unterschiedliche Stile, was für den erdachten Background nicht immer ganz passend war. Einer dieser Maler war der Brite Chris Foss - ein renommierter Künstler, der u.a. für die Gestaltung von Schiffen und Gebäuden in der Dune-Verfilmung verantwortlich zeichnet. Sein Airbrush-Stil und seine mitunter bizarren oder organisch wirkenden Raumschiffformen haben mich seither fasziniert.

Cover des RPG von Morrigan Press
Was rückblickend wie eine Steilvorlage für ein SF-Rollenspiel erscheint, sollte aber erst vor relativ kurzer Zeit tatsächlich eine solche Umsetzung erfahren. 2006 veröffentlichten Morrigan Press (Talislanta) aus Kanada das "Terran Trade Authority Roleplaying Game". Für das Projekt arbeitete man eng mit Cowley zusammen und ignorierte größtenteils die "revised series", die vom Autoren später nachgeschoben wurde und nicht mehr den Standards entsprach, die die Fans erwarteten. Unpopulär waren auch die Änderungen, die Stewart an der Zeitlinie vornahm - aufgrund der tatsächlich verstrichenen Zeit, die mit seinen Visionen nicht Schritt gehalten hatte, verlegte Cowley seinen Aufbruch zu den Sternen um 100 Jahre in die Zukunft - Fans mißfiel dies. Das Rollenspiel beschränkt sich also auf die ursprüngliche Epoche, in der die Terraner eine Allianz mit den Bewohnern Alpha Centauris eingehen und sich dann in einem 15jähigen Krieg mit Proxima verzetteln. Für die Spielmechanik kam das Omni System zum Einsatz, das ursprünglich von Talislanta inspiriert war und auch in Morrigan Press' Atlantis: The Second Age Verwendung findet. Es ist ebenfalls als hintergrundloses Universalsystem veröffentlicht worden. Kennzeichnend sind seine "one roll" Mechanik (W20) sowie das schlichte wie überschaubare Modifikatorsystem, das sich nicht in Details verliert und sehr improvisationsfreundlich ist. Das TTA-RPG wurde von Rezensenten aber eher mittelprächtig aufgenommen und sollte auch das letzte Buch dieses Verlages sein. Quellenbände zum Universum, den Fremdrassen und Fraktionen waren geplant, erschienen aber nicht mehr. 2008 ist dann ein Deal mit Battlefield Press, Inc. vereinbart worden, die ein neues Rollenspiel zum TTA-Setting herausbringen sollten. Es wurde etwas still um dieses Projekt und erst jetzt ist aktuell eine Kickstarter-Kampagne am Start, die den Hintergrund von Cowley's Sternen-Saga als Campaign Setting zur Zeit der Proxima-Kriege für Savage Worlds verwirklichen soll. Zum Zeitpunkt dieses Artikels ist noch ca. eine Woche übrig und es sieht leider nicht so aus, als würde genug zusammen kommen.

Die Interstellar Queen von Avery Astronautics
Für mich hat das TTA-Universum immer noch seinen Reiz. Ob es der überwiegend positive, bejahende Unterton einer leuchtenden Zukunft zwischen den Sternen ist, die farbkräftigen und phantastischen Szenerien einer 70er-SF-Utopie oder möglicherweise ein nicht näher greifbares europäisches Flair, das sich von amerikanischen Science-Fiction-Utopien abhebt - Stewart Cowleys Vision einer interstellar reisenden Menschheit noch zu unseren Lebzeiten versprüht anachronistischen Charme und beheizt noch immer die Kreativöfen seiner Fangemeinde. Wie etwa den von Adrian Mann, der die technologischen Fortschritte seit Ende der Siebziger Jahre und ganz, ganz viel Liebe zum Detail nutzte, um aus den plastischen Bildern von Raumschiffen und Sternenhintergründen der Bücher einen animierten Computerfilm zu zaubern, der auch meinen so liebgewonnenen Erinnerungen an diese Heftreihe ein dreidimensionales Leben einhaucht. Thanks, Adrian! Daher zum Abschluß dieses kleinen Artikels sein Video in voller Länge (für die bestmögliche Qualität empfehle ich die Betrachtung bei vimeo, wo er sein Video hinterlegt hat). Was er da geschaffen hat, ist wirklich phantastisch. Beim Anschauen regt sich noch einmal der kleine Junge in mir, der wieder hinaus will - zu den Abenteuern zwischen den Sternen...

 

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6 comments:

  1. Muss ich bei Dir mal reingucken (falls Du sie noch hast), klingt ja gut! Wie Textintensiv sind die denn, es klingt ja schon fast nach Graphic Novels.

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    1. Nee, damit kann man sie nicht verwechseln. Ist in der Regel 1 ganzseitige Illustration und gegenüberliegend 1 Seite Text. Und ich habe noch einige, aber leider nicht mehr alle Ausgaben.

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  2. Replies
    1. That would be EGG CELL END, or would it? ^_^

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    2. Warum muss ich eigentlich bei der "Interstellar Queen" an Serenity/ Firefly denken?

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    3. Ja, ein kleines bißchen Ähnlichkeit ist vorhanden. Jetzt, wo Du es sagst...

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