Friday, 2 November 2012

Realismus? Versuch' mal dies!


Es zwei Uhr morgens. Das Büro liegt vierzig Stockwerke über der Straße, abseits der Sirenen, Schüsse und Schmerzensschreie der nächtlichen Stadt. Der Bildschirm seines Laptops hüllt Michaels Gesicht in ein grünliches Leuchten, während er sich mit furiosem Tippen durch das Datenlabyrinth des Firmenzentralrechners hackt. In der fahlen Beleuchtung des Türdurchgangs bewegt sich Laennas Silhouette.
"Jemand ist im Aufzug," flüstert sie in ihr Headset.
"Unmöglich," antwortet Raleigh von der anderen Seite des Raums. "Ich hab die Kontrollroutinen hochgefahren. Die Aufzüge sind tot."
"Dann komm und sieh es Dir selbst an," erwidert Laenna. Und tatsächlich – durch das grüne Leuchten des Restlichtverstärkers sind die winzigen Zahlen gut zu erkennen, als der Aufzug nach oben fährt.
„Wir haben ein Problem,“ unterbricht Michael. „Die Dateien sind nicht hier. Sawada hat uns angelogen.“ Im Leuchten des Monitors wendet er den Kopf. „Überall auf der Etage aktivieren sich die Türschlösser.“
Reingelegt. Niemand weiß, daß wir hier sind. Und wenn das die Sicherheitsleute der Techtonics Corporation sind, wird auch niemand unsere Leichen finden. Das schwache Klingeln des Aufzugs dringt durch die Dunkelheit – und das fast unhörbare Klicken des Sicherheitsbügels von Raleighs P90...



Cover des Regelbuchs von 1993
Willkommen bei MILLENIUM'S END v2.0 von Charles Ryan in der Welt von, äh, gestern. Angesiedelt an der Schwelle zum letzten Jahrtausendwechsel beleuchtet ME die Welt der High-Tech-Spionage und des Techno-Action-Thrillers. Wer z.B. Filme wie Ronin, Firefox und Project: Peacemaker, Romane von Tom Clancy und Clive Cussler oder Videospiele wie Jagged Alliance oder Splinter Cell kennt, kann das hier thematisierte Genre einordnen. Wenngleich mittlerweile eine Dekade zwischen der (damals) futuristischen Vision eines 1999 und der Gegenwart vergangen ist, bleibt der Hintergrund von ME aktueller denn je.
Dabei ist ME natürlich aus technologischer Sicht, gerade was Computer und Vernetzung angeht, ein wenig überholt - ein Umstand, der vom SL selbstverständlich adressiert werden muss. Dennoch bleibt dieses Nischen-RPG bis heute eines der realistischsten Rollenspiele, die ich kenne. Und mit "realistisch" meine ich hier sowohl seine Einbeziehung realweltlicher Thematiken als auch den realistisch wirkenden Grundaspekt seines Regelsystems.

Ein Auswahl der verschiedenen Silhouetten
ME bietet ein außerordentlich gelungenes Charakter-Erschaffungssystem sowie eine tadellos spielbare W100- bzw. W%-Mechanik. Charaktere vom klassischen Ex-Cop über den jungen Computerhacker, Vollblutgangster oder Scharfschützen bis hin zum „echten“ Spion sind machbar. Dabei führt einen die Erschaffung durch verschiedene Abschnitte des Charakterlebens und ermöglicht so eine realistische und nachvollziehbare Fertigkeiten-Auswahl.

Aber ganz besonders sticht das Kampfsystem für Schußwaffen heraus. Nicht nur bietet es die realistischsten Verletzungsregeln, die ich bislang gesehen habe, sondern auch ein innovatives „Overlay“-System zur Feststellung der getroffenen Körperzone (etwas, dass ich in letzter Zeit erst bei Kenzer & Co.'s Aces & Eights Western-RPG wiedergetroffen habe). Hierbei wird – je nach Entfernung zum Ziel – eine durchsichtige Folie mit Zielkreuz und Bonus- bzw. Malus-Zahlen  über eine Charakter-Silhouette gelegt (es gibt 30 verschiedene davon), die dessen momentane Körperhaltung inkl. möglicher Deckung darstellt: also z.B. stehend oder liegend. Befindet sich das Ziel in Deckung, kann man einfach den Teil der Silhouette mit einem Blatt Papier abdecken, um so sein Cover zu simulieren. Man kann ganz bewußt eine bestimmte Körperzone (es gibt 25 verschiedene) anvisieren und macht dann seinen Fertigkeitswurf. Je nach Bonus oder Malus ermittelt man dann auf dem Overlay, ob man getroffen hat bzw. wie weit man daneben geschossen und möglicherweise ein angrenzendes Körperteil getroffen hat. Im Spiel erweist sich das System als etwas gewöhnungsbedürftig, aber Übung macht bekanntlich den Meister. Durch den harten Realismus ist man jedoch eh geneigt, Schußwechsel mit Gegnern so weit es geht zu vermeiden!

Das Overlay in Aktion
Denn getroffen zu werden ist in ME nicht besonders lustig. Dabei ist es, wie in der Realität, häufiger so, dass man durch Schock und Schmerz eher kampfunfähig geschossen wird als das ständig ein "lucky shot" für sofortiges Ableben sorgt. Verletzungen kumulieren sich einmal pro Trefferzone und natürlich gesamt, und ihre Schadenshöhe ist gleichzeitig ein Negativmodifikator auf weitere Handlungen. So wird man es in diesem Spiel oft haben, dass Gegner nicht tot, sondern schwer verletzt vorgefunden werden. Gleiches gilt selbstverständlich für die SC. Sofortiger Tod ist zwar auch durch einen Treffer möglich, doch weitaus öfter erliegt man dem Blutverlust. Ebenso realistisch wie die Verletzung wird natürlich auch die Heilung solcher Wunden gehandhabt.

ME bemüht sich aber nicht nur hier um Realismus. Beeindruckend ist Charles Ryans Aufarbeitung der mit diesem Genre verwandten Thematiken, wie z.B. Terrorismus, organisierte Kriminalität, Drogenkartelle, Schußwaffen und Munitionsarten, Söldnertrupps, elektronische Kriegsführung, taktische Geländeerkundung, Häuserkampf, Abhörtechniken oder Beschattung. Ryan schafft es, diese Dinge überwiegend sachlich und neutral zu besprechen, ohne in Waffenverherrlichung oder reaktionäre Weltanschauungen abzudriften. Daher sind alle zu ME veröffentlichten Ergänzungsbände für den SL, der Kampagnen in einem modernen Setting ansetzt, ausdrücklich zu empfehlen - ganz gleich, ob er ME verwendet oder ein anderes Rollenspielsystem. Ganz besonders hervorgehoben seien hier:
  • Tactics and Investigations Handbook for Operatives
  • Terror/Counterterror
  • Ultramodern Firearms
Nun mag man darüber streiten, ob diese Form von Realismus gewünscht ist. Aber hier das Für und Wider zu beleuchten, ist nicht meine Absicht. Es muss jeder für sich entscheiden, ob er in seiner Kampagne den Naturgesetzen der Hollywood-Blockbuster folgen oder mal eine unbequeme und weitaus bodenständigere Grundlage für seine Gegenwartskampagne ausprobieren möchte. Denn auch, falls ich einen anderen Eindruck erweckt haben mag, bleibt ME ein absolut spielbares und sauber durchdachtes Rollenspielsystem. Nur eben eines mit Blut zwischen den Zähnen.
Charles Ryan hat übrigens selbst einen Technothriller als Autor verfasst ("Das Panjang-Desaster") und war später an der Entwicklung von D20 Modern beteiligt. Große Teile des oben erwähnten "Ultramodern Firearms" sind in das Waffenquellenbuch "Weapons Locker" für D20 Modern eingeflossen. Daher auch empfehlenswert.

Anmerkung
: MILLENIUM'S END ist schon seit geraumer Zeit out of print. Wer dazu nun etwas sucht, sollte die einschlägigen Gebraucht-Quellen im Netz bemühen.

6 comments:

  1. Ui. Vielen Dank für den Tipp. Das muss ich mir mal näher anschauen. Klingt sehr interessant. Hat Ryan auch was mit dem Ultramodern Firearms-Supplement für d20 modern am Hut gehabt?

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    1. Öhm, ja, das habe ich doch im letzten Absatz geschrieben, oder? Das Waffenbuch für D20 Modern hieß "Weapons Locker", oder meinst Du noch was anderes?

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    2. Ich erinnere mich an ein d20 modern-Buch das "Ultramodern Firearms" hieß. Sollte die englische Version gewesen sein (falls das unklar war). An "Weapons locker" erinnere ich mich nicht. Aber vielleicht täsuche ich mich ja, ist schon ein paar Jahre her. Da waren so Sachen drin wie die Walter MA-2000 (oder so).

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    3. Fuck, you're right. Das hatte ich nicht mehr auf dem Schirm - ja, Ryan hat seinem ursprünglich für ME geschriebenem Quellenbuch später auch eine D20-Behandlung verpasst. Jetzt muß ich mir das auch noch kaufen, vielen Dank auch! ;)
      Ryans Einfluss auf "Weapons Locker" (das übrigens auch sehr gut ist) war doch nur marginal.

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    4. Keine Ursache :) Das Buch dürfte ziemlich gut sein, ja. Zumindest gefiel es dem Waffennarren aus unserer Gruppe und der kannte sich ziemlich gut in dem Thema aus (also reale Waffen, nicht RSP-Waffen).

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    5. UPDATE: Hab' noch ein niegelnagelneues bei ebay zu 'nem Superpreis ergattert. Fantastisches Buch, ist gegenüber der Urfassung nochmals erweitert worden. ULTRAMODERN FIREARMS, ob nun als d20-Fassung oder original, dürfte das beste rollenspieltaugliche Nachschlagewerk zu Feuerwaffen sein, das man finden kann. Wer es noch irgendwo findet: zuschlagen. Man kann nichts falsch machen!

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