Tuesday, 6 November 2012

InNOVAtiv - Fragen an Daniel Scolaris

Nachdem ich neulich für den Rollenspiel-Almanach eine Rezension zu dem deutschen Science-Fiction-Rollenspiel NOVA geschrieben habe, hatte es mich gereizt, den kreativen Kopf hinter dem umfangreichen Werk zu interviewen: Daniel Scolaris. Ich habe Daniel flüchtig durch zwei Testrunden auf dem NordCon kennengelernt und ihn als äußerst kommunikativen und freundlichen Menschen in Erinnerung. Diesen Eindruck bestätigte er sogleich, indem er in Windeseile meine (vermutlich viel zu anspruchslosen) Fragen beantwortete. Seine Antworten sind auch wesentlich interessanter. ^_^


Cover der Zweitauflage
Argamae: Daniel, zwar schreibst Du einiges über Dich bereits im Vorwort des NOVA Basisbuches, aber könntest Du nochmal kurz etwas zu Deiner Person sagen? Quasi so ein bisschen wie bei einem Vorstellungsgespräch. ;-)

Daniel: Also ich komme ursprünglich vom Bodensee, bin dort aufgewachsen. Hatte nach dem Abi kurz Physik studiert, danach einen Bachelor in Medien gemacht. Zur Zeit studiere ich Drehbuch, bin gerade bis Ende März in Argentinien an meinem Diplomdrehbuch und werde anschließend also als Drehbuchautor arbeiten.

Argamae: Wenn Du so zurück blickst auf Dein SF-Interesse – welche Bücher, Filme, Serien, Videospiele oder anderen Medien (außer Rollenspielen) haben Dich begeistert? Wo sprang ein Funke über und was war nie so Dein Fall? Gab es ein spezifisches Erlebnis, dass Dein Interesse entfacht hat?

Daniel: Wenn man so 20 Jahre lang Sci-Fi konsumiert finde ich es Rückblickend schwierig, zu sagen: Das Buch war besonders toll, oder jener Film. Weil man vieles wohl aus heutiger Sicht anders beurteilen würde. Sicherlich finde ich die alten Star Wars-Filme nach wie vor klasse, und ich mochte auch Star Trek immer sehr. „Battlestar Galactica“ fand ich sehr genial, während ich in „Babylon 5“ nicht reinkam. Ich erinnere mich, dass ich früher total gern „Privateer“ gespielt habe, oder aber „Wing Commander 3“. Den ersten Teil von „Mass Effect“ fand ich toll, der 2. war ok. Den dritten hab ich noch nicht gespielt. Ich hätte natürlich gerne mehr Zeit, Sci-Fi zu konsumieren, aber ist leider nicht mehr so wie früher zu Schulzeiten;)
Ich glaube ein spezifisches Erlebnis gab es nicht – vielleicht waren es tatsächlich die alten Star Wars Filme, deren Fernsehausstrahlung so Mitte der 90er ich auf VHS aufgenommen und immer wieder geschaut habe. Früher mochte ich aber auch genauso gerne Hohlbein-Bücher oder Fantasy generell.

Argamae: Nachdem Du mit Rollenspielen in Berührung gekommen bist, welche hast Du gespielt und hast Du aus einigen Anregungen erhalten – sei es jetzt für die eigenen Regeln oder für Hintergrundelemente?

Daniel: Zuerst habe ich Eigenkreationen aus dem Freundeskreis gespielt, ehe dann irgendwann Schwarzes Auge dran war. Wir haben auch mal Star Wars gespielt, aber mit dem DSA-System. Star Wars d6 hab ich erst kennengelernt, als wir mit NOVA darauf angesprochen wurden, also so 2007/08. Gespielt habe ich AD&D, diverse d10, d20-Systeme, ein paar Indies. Während der Entwicklung von NOVA habe ich natürlich dann auch mal diese Systeme in der Anwendung probiert und zig Eigenkreationen. Ich glaube es gab so jedes halbe Jahr eine „Charakterkonvertierungssession“ an unseren Spieltischen auf ein neues System. Meine Spieler haben mich natürlich damit aufgezogen;)
Klar der Hintergrund ist von den Dingen beeinflusst worden, die ich gerne gelesen, gesehen oder gespielt habe.

Argamae: Du erwähnst im Vorwort Deinen Cousin, der Dich in Kontakt mit dem Hobby Rollenspiel gebracht hat. Spielt er heute noch? Und hat er sein selbst erdachtes System je zu Papier gebracht?

Daniel: Er spielt glaube ich schon lange nicht mehr oder nur noch sehr selten. Ich hörte was von „Vampire“. Er hatte einige Seiten, Ausrüstung etc zu „Unknown Passenger“, wie sein Rollenspiel hieß, geschrieben, aber es blieb beim privaten Gebrauch, und auch nur relativ kurz.

Argamae: Spielst Du aktuell noch andere Rollenspielsysteme außer NOVA, sei es regelmäßig oder gelegentlich? Und falls ja, welche wären das?

Daniel: Ich wünschte ich hätte die Zeit dazu... Ich habe mal vor zwei Jahren „Opus Anima“ mit Macher Felix Mertikat gespielt, ich kenne ihn persönlich weil wir auf der gleichen Hochschule studieren. Ich würde gerne einige Sachen ausprobieren, wie Ratten, Savage Worlds Sundered Skies/Rippers oder Scion. Aber auf Conventions bin ich quasi nicht zum Spaß. ;) Da ist Promo-Arbeit angesagt, und jede NOVA-Spielrunde, die nicht stattfindet, ist schlecht.
Ich hoffe, in Zukunft habe ich dazu mehr die Gelegenheit, und vor allem wenn ich nach dem Studium einen neuen Lebensmittelpunkt wähle, hoffe ich auf eine neue Spielgruppe, mit der man dann auch diverses spielen kann.

Argamae: Bezüglich NOVA, wie „vollständig“ siehst Du selbst das Basisbuch? Habt ihr euch bereits verausgabt und alles Erdachte dort hinein gequetscht oder bewusst Elemente offen gelassen, die ihr lieber gesondert herausgebt – von Abenteuern einmal abgesehen?

Eine Invasionsflotte der Beta-Pictor
Daniel: Also ich hätte gerne noch einen Kampagnenleitfaden zur Erschaffung von NOVA-Kampagnen, ein paar mehr Bilder, Raumschiffsdeckpläne und so 4-8 Seiten zum Thema Fahrzeuge und Ausrüstung (klar geht das nach gleichem Konzept wie Artifikanten und Raumschiffe, aber man braucht wohl ein paar Teile zum Basteln) reingebracht. Sicherlich sind auch Dinge wie ein Planeten(system)- Generator interessant und eine Life-Path Charaktererschaffung. Letzteres kommt nun in Band 1, dann aber speziell für das Imperium. Bei so einem großen Universum und den Außerirdischen ist es sehr schwierig, wenn man ein allgemeines Konzept dafür haben will. Man bedenke nur, dass Dinge wie „Familie“ oder „romantische Beziehungen“ für manche Spezies überhaupt keine Rolle spielen. Bei denen mag dann anderes wichtig sein. Daher denke ich, es ist durchaus sinnig, bei den Quellbänden zu den diversen Kulturkreisen mit einem darauf abgestimmten Lifepath aufzuwarten.
Das Thema Planetengenerator gibt es schon eine Weile, ebenso wie anderen „Generatoren“, die aber für eine Internetumsetzung angedacht sind. Ich hoffe, da auch etwas Verstärkung zu finden. Die Website braucht sowieso schon seit Jahren ein neues Gesicht...

Argamae: Einige der Sonnensysteme in NOVA beziehen sich ja auf reale Sterne. War Dir schon immer daran gelegen, echte Astronomie mit einzubringen? Oder dient sie lediglich als „Fluff“ für eine bessere Glaubwürdigkeit?

Daniel: Ich war und bin immer großer Fan von Astrophysik. Hätte ich Physik weiterstudiert, hätte ich Astrophysik als Schwerpunkt genommen. Habe auch schon als Jugendlicher ein Teleskop geschenkt bekommen und den Nachthimmel abgesucht und Atlanten gewälzt. Auch wenn ich heute ein Planetensystem für meine Spielrunden suche, schaue ich immer erst nach realen Vorbildern und den aktuellen Forschungsstand darüber, ehe ich eines aus dem Hut zaubere. Trotzdem ist es natürlich wichtig, an geeigneter Stelle die Fantasie walten zu lassen.

Argamae: Wie wichtig ist Dir der Metaplot von NOVA? Siehst Du Dich primär als Autor einer Geschichte, die Du erdacht und über das Vehikel Rollenspiel fortschreiben möchtest, oder steht bei Dir die Schaffung eines Universums im Vordergrund, aus dem sich die Leser/Spieler ihr jeweiliges „Spielzeug“ heraus suchen sollen?

Daniel: Der Metaplot kam erst dazu, als wir merkten, dass die Leute ihn wollten oder brauchten. Klar gab es schon große Geheimnisse (das Stoppen des Kontinuumsfeldzugs z.B.) und Ideen bzw. Aufzeichnungen dazu, ebenso wie „Das große Ganze“ im Hintergrund, aber als wir gemerkt hatten, dass die Spieler das forderten, haben wir uns natürlich in der weiteren Arbeit auch darum gekümmert. Und den Metaplot will ich weiterführen. Für mich selbst stand die Schaffung eines Universums im Vordergrund; mit vielfältigen Kulturen für vielfältige Spiel- und Kampagnenmöglichkeiten. Und das Ziel war eben auch, diese Kulturen miteinander zu verbinden, und dass ihre Geschichte(n) ihre gegenwärtiges Gesicht und die aktuelle Situation bedingen. So gesehen wünsche ich mir, dass andere Spieler genauso wie ich ihr Fleckchen im Universum finden, wo sie sich heimisch fühlen. Und wenn es ihnen so geht wie mir, finden sie davon eine Menge, so dass man das Spiel eben auch nach 20 Jahren spielen kann. ;)

Argamae: Wenn Du alle Mittel hättest und NOVA verfilmen lassen könntest – welche Epoche, welches Ereignis oder welche Rasse stünde im Mittelpunkt und wen würdest Du als Regisseur verpflichten?

Daniel: Oh sehr schwer. Aber tatsächlich immer wieder ein real existierender Gedanke, der in meinem Kopf spukt. Durch mein Studium und meine Arbeit und die Spezialisierung auf den Bereich „Serie“ überlege ich mir oft, was interessant wäre. Es kommt darauf an, wen man mit dem Serienkonzept ansprechen will, auch für welchen Markt. Ich habe vor 2, 3 Serienkonzepte auf NOVA basierend zu schreiben. Ich denke das der Große Krieg seinen Reiz hätte, denn es geht kontinuierlich bergab. Aber ich persönlich fände glaube ich auch eine Taesari-Serie gut. Das könnte von der Struktur, Problematik und Konfliktsituation her ein wenig wie Game of Thrones funktionieren. Aber das muss ich mir gut überlegen.
Mein Zweitjahres-Drehbuch ist übrigens ein Sci-Fi-Roadmovie der 2105 spielt und sich um die Evakuierung der Erde dreht. ;)
Als Regisseur ist das so eine Sache. In einer Fernsehserie braucht man gute Produzenten und Autoren, die bleiben meistens (zumindest als Showrunner in den USA) kontinuierlich, während die Regisseure wechseln. Bei einem Spielfilm fände ich (je nach Drehbuch) Ridley Scott, Danny Boyle oder Christopher Nolan gut. JJ Abrams kann ich mir nicht so wirklich vorstellen.

Unterweisung in Sachen Paranormik
Argamae: Was ist Dein Geheimnis, über einen so langen Zeitraum an einem einzigen Projekt festhalten zu können? Gab es Momente, in denen Zweifel überwogen und Du fast aufgegeben hättest?

Daniel: Das Geheimnis kenne ich nicht. Obsession. Herausforderung. Vermutlich irgendeine psychische Zwangsstörung. ;) Zuviel Spaß, und zuviel Energie, Zeit und Geld reingesteckt um damit aufzuhören. Wenn man soweit gekommen ist, hört man nicht auf, oder? Irgendwie wäre es so, als ob man einen Teil seines Lebens einfach abschneidet oder man ist gefühlt kurz vorm Gipfel und sagt sich dann: „Ach nee, doch nicht“. Aber Zweifel gibt es oft genug, und ich glaub jedes Jahr gibt es so 4-6 Momente da hab ich absolut keine Lust mehr, ärgere mich zu Tode und frage mich: „Warum mach ich den Mist eigentlich?“. Aber über diese Sinnkrisen helfen dann nette Emails von Leuten hinweg, die sich über NOVA freuen. Oder andere positive Nachrichten und Reaktionen. Klinkt kitschig, aber: Sowas gibt Kraft. Ich freu' mich einfach, wenn andere Leute Spaß an NOVA haben. Und ich fühle mich den Spielern und mir selbst auch verpflichtet gegenüber, zu liefern. Und klar habe ich auch eine Verpflichtung meinem Team gegenüber.

Argamae: Wo siehst Du Dich eher – als Entdecker an Bord eines großen Sternenschiffes oder als Anführer im Kampf gegen ein böses Sternenreich?

Daniel: Vor 10 Jahren sicherlich letzteres. Mittlerweile find ich Anführer eines bösen Sternenreiches besser. ;) Die Dunkle Seite ist doch immer spannender oder? Aber im Augenblick habe ich eine Entdecker-Kampagne gestartet. Interessanterweise die erste nach all den Jahren NOVA. Mal sehen wie sich das auswirkt.

Argamae: Rollenspiele mit SF-Thematik gibt es ja nicht wenige. Warum sollten interessierte Spieler gerade NOVA spielen?

Daniel: Klar kann man ähnliche Kampagnen auch in anderen Spielen wie Traveller spielen. Aber: Wer das 2. Kapitel im Basisbuch liest, weiß: Das Universum ist für sich genauso einzigartig wie das Warhammer 40k-Universum oder das Traveller-Universum, oder das Star Wars-Universum. Eine Rebellenkampagne in NOVA sieht anders aus und fühlt sich anders an als in Star Wars. Letztlich ist das ist dann eine reine Frage des Geschmacks. Da kann ich noch so sehr mit unseren tollen Rassen argumentieren, die vielen Möglichkeiten, die NOVA bietet an Settings, an Geschichten, in der Charaktergestaltung. Oder dass man nicht noch zig Bücher zum NOVAbasisbuch dazu kaufen muss um wirklich eine ganze Menge spielen zu können. Der geneigte Spieler sollte es möglichst mal spielen (z.B. auf der NordCon, der DreieichCon, der FeenCon, oder auf Veranstaltungen wie RPC), am Besten auch einfach mal lesen (z.B. die Basisbuch-Ausschnitte).

Der letzten Aufforderung würde ich persönlich zustimmen. Gerade die CON-Runden, von denen ich bei zweien dabei war, haben Spaß gemacht und boten einen guten Einblick in das Setting. Zum Schluß darf mir Daniel auch noch eine Frage stellen und den Spieß umdrehen.

Daniel: Welches Rollenspiel spielst du am liebsten, und warum? Hast du auch schon mal selber eines entwickelt? Was war das?

Argamae: Verdammt, ich habe jetzt mit einer höflichen Trivialität gerechnet, aber diese Frage ist fies. Ich beantworte den zweiten Teil zuerst: ja, aber es ist nie über ein paar Seiten mit einem groben Würfelsystem-Model hinaus gekommen. Eine Fantasywelt jedoch habe ich mal erdacht und auch zwei oder drei farbige Karten dazu gezeichnet. Zu Beginn hieß sie "Mor", bevor sie dann in den Namen umgetauft wurde, der zu meinem Internet-Pseudonym geworden ist. Und was nun das Rollenspiel angeht, das ich am liebsten spiele: ultimativ dürfte das Dungeons & Dragons sein. Die Edition variiert allerdings je nach Stimmungslage, würde ich sagen. Und das Warum: die erste Liebe vergißt man eben nie...

Vielen Dank an Daniel Scolaris für diese Fragestunde!

Wer noch mehr möchte: ein weiteres Interview mit dem Macher von NOVA findet ihr beim Würfelhelden.

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