Thursday, 15 November 2012

Eurogames? Nö, US-Games!

FFP Logo
Wer phantastische Brettspiele mit z.T. minimalen Rollenspiel-Elementen mag, sollte Flying Frog Productions nicht verpassen. Die vergleichsweise kleine Spieleschmiede aus Washington, USA, um Chef-Entwickler Jason C. Hill und Graphikdesigner Jack Scott Hill hat mittlerweile 5 Brettspiele in ihrem Portfolio, die durch eine erstaunlich hochwertige Präsentation und Qualität sowie äußerst unterhaltsame Themen und Regeln bestechen.
Der Style ihrer Games kann recht zutreffend als "cinematisch" bezeichnet werden - ein Wort, dass für eine Vielzahl von Beschreibungen heran gezogen wird und gerade in unser aller Hobby ziemlich abgenutzt ist. Hier aber ist es Programm, denn für die Illustration ihres Spielmaterials verwenden FFP Schauspieler, die teils recht aufwändig kostümiert für Szenen auf Spielkarten oder in Anleitungen posieren. Nachträglich werden die Bilder dann bearbeitet, um ihnen den typischen Schliff zu geben. Das Ergebnis: tolle und atmosphärische Ausgestaltung des Spielgeschehens. Und es passt hervorragend zu den Groschenroman- bzw. B-Movie-Themen ihrer Veröffentlichungen, die Zombie-Apokalypsen, Mars-Invasionen, klassische Horrorfilme sowie Abenteuerfilm-Anleihen aufgreifen und zum Mittelpunkt der Spielhandlung machen.

Jason (rechts) und Jack mit einem ihrer "Models"
Da ich selbst 3 ihrer Brettspiele besitze (und sich die anderen 2 im unmittelbaren Freundeskreis befinden), möchte ich die Games kurz vorstellen. Nahezu alle Spiele weisen Ähnlichkeiten auf, die zunächst genannt werden sollen. Zentral ist die Verwendung eines Helden mit spezifischen Vor- und Nachteilen. Diese Spielfigur kann i.d.R. während des Spiels aufgebaut und mit Ausrüstung oder Verbündeten versehen werden, um sie schlagkräftiger zu machen. Die Verwendung sechsseitiger Würfel ist ebenfalls in jedem Spiel Programm; spielmechanisch sind oft Proben auf Eigenschaften der Spielfigur abzulegen, was dadurch leichte Rollenspielzüge aufweist.  Mit von der Partie sind bei jedem Spiel auch sehr gut modellierte Plastikminiaturen. Es sind immer Regeln für ein kooperatives als auch konkurrierendes Spiel enthalten, wie überhaupt die Anleitungen immer vollfarbig bebildert und gut gegliedert sind. Ebenfalls typisch ist ein szenario-basiertes Gameplay, das die jeweiligen Siegesbedingungen für beide Seiten aufzeigt - denn selbst im Spiel gegeneinander kämpft man immer auch gegen einen gemeinsamen Widersacher. Und schließlich spielt das Glück auch seine Rolle bei den Games von FFP - wer also grundsätzlich gegen einen Glücksfaktor in Brettspielen ist, wird hier nicht glücklich. Pun intended.
Ach ja, fast hätte ich es vergessen: eine andere Besonderheit verbindet alle Games von FFP - der Soundtrack. Jedem Spiel liegt ein thematisch angefertigter Soundtrack auf CD bei, den man zur Untermalung abspielen kann. Eine ziemlich witzige Idee, wenngleich die musikalische Qualität der Stücke eher mäßig ist.

Zum einen wäre da ihr Erstling, LAST NIGHT ON EARTH - das Zombiespiel. Hier übernimmt man je nach Mitspieleranzahl die Rolle von einem oder mehreren Bewohnern der ländlichen Kleinstadt Woodinvale, die von Zombies angegriffen wird. Klischeehafte Archetypen wie der örtliche Sheriff, der Highschool-Athlet, die blonde Farmerstochter, der verschrobene Landstreicher oder der besonnene Pfarrer bilden hier die Helden. Ein oder zwei Spieler können die Rolle der Zombies übernehmen. Auf einem gerasterten Spielbrett, das jeweils zufällig modular zusammen gesetzt wird, muss man nun eine gewisse Anzahl an Runden der Zombiebrut standhalten (oder je nach Szenario bestimmte Aufgaben erfüllen). Die Zombies erscheinen jede Runde auf sogenannten Spawn-Points und können sich pro Zug ein Feld weit bewegen und zusammenrotten, während die Helden deutlich wendiger sind und z.B. umstehende Gebäude nach nützlichen Gegenständen und Waffen durchsuchen können. Zusätzlich werden durch das Ziehen von Karten Ereignisse im Spiel ausgelöst, die entweder Komplikationen oder Vorteile für die Helden bzw. Zombies darstellen (z.B. Stromausfall in einem Gebäude oder das Auftauchen eines besonderen Zombies). Interessant ist bei dem Spiel eine klare Lernkurve für die Helden-Spieler. Denn um zu gewinnen, ist i.d.R. gute Teamarbeit und Ausnutzung der jeweiligen Spezialfähigkeiten vonnöten. Zu LNOE sind etliche Erweiterungen erschienen, die ich im Detail noch nicht gut kenne, aber laut Aussage von Freunden allesamt spielenswert sind. Mir hat das Spiel 'ne Menge Spaß gemacht, gerade weil der Sieg auf dem Zahnfleisch errungen werden konnte!

Nakk-Naaaak-Nakk-Nak!
Vom gleichen Schlage ist INVASION FROM OUTER SPACE, das Marsianer-Spiel. Und zwar deshalb, weil es auf der gleichen Game-Engine wie LNOE aufbaut und nur im Detail etwas abweicht. Statt der Zombies sind hier die Marsianer unterwegs, die sich ausgerechnet einen Provinz-Jahrmarkt als Landestelle ausgesucht haben. Hier spielt man also Schausteller-Helden, wie etwa die bärtige Lady, "Kraftmensch Krause" oder einen Tanzbären (!), um den miesen, behelmten Invasoren zu zeigen, was ein publikumswirksamer Auftritt ist. Während LNOE eher (augenzwinkernd) ernst ist, kommt IFOS total schräg und humorig 'rüber. Wenn sich die menschliche Kanonenkugel auf einen Pulk Marsianer abfeuert, ist Grinsen angesagt. Und ich will für den Rest meines Lebens intergalaktischen Rachenauswurf aufwischen, wenn hier für Idee und Design nicht Tim Burton's Mars Attacks! Pate stand. Spielablauf und Charakterfähigkeiten werden hier ansonsten identisch zu LNOE behandelt. Man kann sogar beide Spiele kombinieren und ein Mega-Szenario spielen, in dem sich menschliche Helden lebender Toter und Marsianer erwehren müssen!

Wer "Indiana Jones" als Brettspiel sucht, sollte sich zwingend FORTUNE AND GLORY, das Cliffhanger-Spiel, anschauen, das aber vermutlich etwas schwieriger zu beschaffen sein könnte, da es verfassungsfeindliche Symbole enthält. Schließlich dürfen in einem Pulp-Adventure, das etwas auf sich hält, die Nazis als Schurken nicht fehlen. In F&G geht man z.B. als weltgereister Abenteurer, neugieriger Journalist, gewiefter Wissenschaftler oder ruchloser Grabräuber auf die Suche nach mystischen Artefakten, die zu Spielbeginn jeweils zufällig aus zwei Karten (einer Artefakt- und einer Abenteuerkarte) zusammengesetzt werden - somit sind die möglichen Kombinationen fast unerschöpflich. Diese Relikte können aber auch vergessene Tempel sein, die man im Verlauf mehrerer Runden ihrer Schätze berauben kann und die irgendwann einzustürzen drohen. Um an diese Schätze zu gelangen, die auf der ganzen Welt (Spielbrett) verteilt sind, müssen Gefahrenkarten in Höhe des Wertes auf ihrer Ergänzungskarte gesammelt werden, die dann mittels Proben auf Heldeneigenschaften zu meistern sind. Gelingt dies bei einer Karte nicht, so wird sie auf die "Cliffhanger"-Seite gedreht, zeigt die Komplikation der Gefahr und beendet den aktiven Zug des Helden. Im darauf folgenden Zug muss man sich dann zunächst dem Cliffhanger stellen, bevor man irgendwas anderes machen kann.

Spielaufbau von Fortune And Glory
Diese Gefahren und ihre Cliffhanger entsprechen typischen Szenen und Vorlagen aus Action- und Abenteuerfilmen. Sie sind toll gestaltet und machen einfach Spaß. Überhaupt ist das ganze Spiel das Flaggschiff von FFP - die Box ist sehr groß und verschwenderisch mit Karten, Minis und Countern ausgestattet - bis auf die Figuren alles hochglanzbeschichtet (ein weiteres Merkmal der FFP-Spiele) und sehr stabil. F&G lebt natürlich auch davon, dass man sich so ein bißchen in die jeweilige Rolle versetzt und Spaß daran hat, sich die zum Teil irrwitzigen Kombos aus Gefahrenkarten (Eishöhle unter der Wüste Sahara) als Geschichte vorzustellen. Als mögliche Gegner (sowohl im kooperativen wie auch konkurrierenden Spiel) tauchen der Mob oder die Nazis auf, deren Haupt-Charaktere (quasi NSC) eine Schatzjagd deutlich interessanter gestalten können. Die Szenen, Figuren und Schauspieler sind dabei herrlich klischeehaft, was dem ganzen Groschenroman-Flair erst die nötige Substanz verleiht. Die Spielmechanik von F&G ist neu und nicht mit den beiden eben genannten Spielen vergleich- bzw. kombinierbar. Ich habe es bislang am häufigsten von allen Spielen gespielt, bin immer noch begeistert und jederzeit für eine Runde zu haben. Ein echt tolles Boardgame.

Zum Schluß noch schnell die beiden letzten Spiele von FFP, von denen ich eines erst kürzlich gekauft und noch nicht gespielt habe. Es heißt CONQUEST OF PLANET EARTH und nimmt wieder die Invasoren-Thematik auf - nur diesmal auf größerer Ebene. Hier spielt man eines von 10 intergalaktischen Völkern, die sich die Erde vor der Konkurrenz untertan machen wollen (die Marsianer aus IFOS sind übrigens auch eine der Fraktionen). Dazu muss man seine Spezialfähigkeiten geschickt einsetzen und Eroberungsmarker sammeln, indem man Terror verbreitet, menschlichen Widerstand dezimiert und Ortskarten (die zufällig auf dem Spielplan angelegt werden) besetzt. Natürlich kämpfen nicht nur die einzelnen Invasorenvölker gegeneinander, sondern auch die Menschen, die sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen lassen und zurück schießen. Sei es nun ein Panzerverband, eine Fliegerstaffel oder Captain Fantastic - der einzige Superheld der Erde! Die Lektüre der Spielkarten und die Illustrationen der Alienvölker waren sehr witzig, bin gespannt, wie es sich spielt. Bei diesem Spiel hat man übrigens nicht auf Fotos von Schauspielern zurück gegriffen - alle Bilder sind von Hand gezeichnet.

Das andere Spiel, das ich nicht selbst besitze und kürzlich erst gespielt habe, ist A TOUCH OF EVIL. Hier übernimmt man wieder die Rolle menschlicher Helden, die sich gegen ein übernatürliches Böses stemmen, dass ihre Siedlung heimsucht. Das Spiel ist zu Beginn des 19. JH angesiedelt und entsprechend stimmungsvoll sind Aufmachung und Bebilderung des Spiels. Das Spielbrett wirkt wie eine zeitgenössische Landkarte auf Pergament und ist wunderschön gezeichnet. Die Illustration von Spiel- und Heldenkarten ist wieder mit Schauspielern in entsprechenden Gewandungen gestaltet und gleichermaßen ein Hingucker. Die Besitzerin des Spiels fühlte sich nach eigener Aussage an Sleepy Hollow erinnert. Die Grundzüge des Spielablaufs können ein wenig mit Arkham Horror verglichen werden, wobei ich finde, dass sich ATOE deutlich flotter und weniger statisch spielt als ich AH in Erinnerung habe. Das Gruselflair kommt auch ohne lovecraft'sche Anleihen aus. Man zieht auf dem Spielbrett umher, sammelt Ausrüstung, Verbündete und Ermittlungsmarker, um mit letzteren dann zu einem vom Spieler bestimmten Zeitpunkt die finale Begegnung mit dem Drahtzieher hinter dem Bösen einzuleiten. Wer das ist, wird zu Spielbeginn bestimmt - etwa "Der Vampir" oder "Der Kopflose Reiter". Dessen besondere Eigenschaften bestimmen dann auch Elemente im Spiel - etwa, welchen Schergen des Oberbösewichts man begegnet. Toll auch die Idee der "Ortsältesten" - einflußreiche Persönlichkeiten, die man für den Kampf gegen das Böse gewinnen kann. Doch jeder von ihnen hat ein (zufällig gezogenes) dunkles Geheimnis, das aufgedeckt werden kann. Ist man sich nicht über den Hintergrund der ausgewählten Person im Klaren, kann es durchaus sein, dass diese während der Konfrontation einfach flieht, einen im Kampf behindert oder sogar gemeinsame Sache mit dem Nemesis macht. Ich habe ATOE bislang nur einmal gespielt (übrigens mit der ersten Ergänzung Shadowbrook, die die Spielfläche sogleich verdoppelt), aber Gameplay, Stimmung und Aufmachung haben mich sofort begeistert.

Spielbrett-Layout für A Touch Of Evil
Ja, das waren sie, die fünf Brettspiele von Flying Frog Productions. In ihrem Webstore bieten sie übrigens exklusive Mini-Ergänzungen und jede Menge Merchandise an - u.a. Posterdrucke bestimmter Heldenbilder oder T-Shirts zu einzelnen Spielen. Ob man das braucht, sei dahin gestellt, aber es zeigt, mit wieviel Elan der kleine Verlag zu Werke geht. Eine Wiki gibt es auch, dort kann man sich zu den einzelnen Spielen nochmal informieren. Ich für meinen Teil bin ein Fan von FFP geworden und kann festhalten, dass ihr Stil und die Mischung aus Taktik und Glück genau meinen Brettspielgeschmack treffen und für extrem launige Runden sorgen. Check it out!

5 comments:

  1. Hi.

    Die Kategorie "Eurogames" und "USGames" fand ich schon immer blöd, wenngleich sie wohl ein Hilfsmittel darstellen, Speiel eben zu kategorisieren. Das nur nebenbei.

    Die FFP Spiele sind toll. ZWINGEND ZU ERWÄHNEN UND FETT HERVORZUHEBEN:

    LNOE und IFOS sind kombinierbar! Das macht sie ziemlich 'uber', wie der Ami zu sagen pflegt.

    Nicht zu verachten sind auch US-Games anderer Spieleschmieden. Lustigerweise ziere ich mich dabei, FGG zu nennen. Gewiss, eine der größeren Verlage. Spielkomplexität und -thematik sowie Spielmaterialien sind in aller Regel hervorragend; außerdem entwickelt FGG für seine Spiele häufig schönes und gelungenes Zusatzmaterial.
    Aber ... ABER ... _A_B_E_R_ ... Die Regelwerke ... So häufig so 'widersprüchlich', 'unklar', 'unvollständig' ... *kopfschüttel* Man denke einfach nur an die Vielzahl an FAQs allein für solche Dauerbrenner wie Arkham Horros, Descent, Elder Sign etc.

    Nicht zu verachten und sehr, sehr unterhaltsam ist die neue Spielschmiede "Guillotine Games", die gemeinsam mit "Coll Mini or Not" dieses Jahr mit gleich zwei Spielen für Aufsehen sorgten: "Zombicide" und "Sedition Wars".

    Und ganz sicher gibt es noch viel, viel mehr Spieleschmieden und Spielprodukten, die super sind ...

    Geht es nur mir so: Thematisch reiche Spiele sind häufig mit umfangreichen Detail-Regeln versehen, die zu ständigen Regel-Ausnahme und Regel-Ausnahme-Ausnahme bis hin zu Regel-'x-hoch-N'-Ausnahmen führen ...

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    1. Danke für den Hinweis, aber ich habe ja erwähnt, das die Spiele kombinierbar sind! Oder wolltest Du das nur nochmals fett herausstellen? ;)

      Mit FGG meinst Du vermutlich FantasyFlightGames, also FFG, ja?

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  2. In der Eile.

    Hab' die Kombinierbarkeit wohl überlesen. Und ja, FFG, nicht FGG ... Um es zu korrigieren, müsste ich meinen Beitrag editieren können ... Geht aber nicht. Deshalb müsste ich es löschen, was ich aber ... *hach* Decisions, decisions ...

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  3. Wo wir gerade bei Brettspielen sind, sei noch schnell auf meine neuste Rezi hingewiesen, die ich für den Würfelhelden gemacht habe:

    http://wuerfelheld.wordpress.com/2012/11/16/rezi-interstellar-mayhem/

    Zwar kein US-Game, aber dafür Qualität aus deutschen Landen! ;)

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