Wednesday, 24 October 2012

Die vielen Köche von D&D NEXT

Es war immer ein Ereignis, wenn eine neue Edition des ehrwürdigen Dungeons & Dragons angekündigt wurde. Als D&D'ler der ersten Stunde (zumindest seit Erscheinen der roten Box in Deutschland) begleitete mich immer auch eine gewisse Aufregung, wenn das Spiel eine Überarbeitung erfuhr. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich in einer Phase, in der ich zu dem Zeitpunkt gar keine Version von D&D spielte, die 2nd Edition von AD&D in die Finger bekam. Damals war man noch nicht so intensiv intervernetzt wie heute und die Edition überraschte mich fast. Sie brachte mich dazu, wieder (A)D&D zu spielen und spielen zu wollen - was im Nachgang auch mein Interesse für das klassische D&D neu entfachte. Oh, Happy Days.

Aber etwas hat sich geändert. Die Vorfreude auf die neueste Edition ist weg.

Ich war nie ein Freund der 4. Edition, daher müßte mich eigentlich die 5. Edition, ziemlich öde als D&D NEXT betitelt, ziemlich begeistern. Und ja, als die ersten Ankündigungen raus kamen, war das auch so. Ich wußte, daß Designer-Superstar Monte Cook (auf den ich große Stücke halte) mit an Bord war und das gefiel mir. Ich lud mir das erste Playtest-Material herunter. Ich spielte mit einigen eingefleischten D&D'lern eine Testrunde. Ich wartete auf das Folgematerial für den zweiten Teil des Playtests. Und wartete.

Doch das Folgematerial kam nicht, wie angekündigt, einen Monat später. Sondern mehrere Monate später. Und dann war es irgendwie vorbei, das Interesse in mir war tot. Warum?

Wenngleich der erste Playtest besser ankam als gedacht, blieb im Nachhinein ein schaler Geschmack zurück. Modular zusammensteckbare Charakterklassen? Schnellheilung durch Trefferwürfel? Zwei Würfe mit dem W20, wenn man einen Vorteil hat? Ein altes Abenteuer von Gary Gygax als Testarena? War das die Innovation? Wollte man damit, wie vollmundig angekündigt, die Fans aller Editionslager wieder an einen Tisch holen? Skepsis allerorten machte sich breit, das Spiel fühlte sich für mich nicht "neu" an. Es war von allem ein bißchen, dass man mit Glutamat versetzt und nochmal aufgewärmt hatte.

Dann stieg Knall auf Fall Monte aus. Mit typisch amerikanisch-höflich-nichtssagenden Meldungen auf dem eigenen und anderen Blogs. Niemand wußte genau, warum. Für mich ein Warnsignal. Nicht, dass ich Monte Cook als Heilsbringer für das Rollenspiel im Allgemeinen oder D&D im Besonderen ansehe, aber wenn ein Kaliber seiner Größe von einem Projekt abspringt, das nichts geringeres als die Neuentwicklung des bekanntesten Rollenspiels der Welt betrifft, dann darf man schon mal ins Grübeln kommen.

Meine anfängliche, glühende Verfechtung von "Open Playtests" hat sich in eine wachsende Ablehnung gewandelt. Was ich bei Pathfinder noch als tollen neuen "Clou" betrachtete, der dem Fan das Gefühl vermittelte, aktiv eine Rolle bei der Erhaltung seiner D&D-Lieblingsedition zu spielen, betrachte ich jetzt als zermürbenden, quälenden Prozess zur Findung einer Massentauglichkeit. Was kann anderes dabei herauskommen als ein zu lange durchgekautes Kaugummi, dem jeglicher Pepp einer neuen Geschmacksrichtung abgeht?

Die Vorsichtigkeit, mit der man bei WotC eine neue Edition definieren will, wird D&D NEXT noch das Genick brechen. Man gewinnt nicht das Vertrauen der Fangemeinde, wenn man quasi einen designerischen Offenbarungseid ablegt und bei ihnen nachfragt, ob man alles richtig macht. Wenn man ihnen nachdrucksweise die leckeren Lieblingshäppchen vergangener Tage hin hält wie ein Zahnarzt das Bonbon, bevor er den Bohrer anwirft. Ich bin da konservativer gestrickt und glaube wieder deutlich mehr an die starke Hand, die eine deutliche Richtung vorgibt. In dieser Hinsicht nämlich war D&D 4 fortschrittlicher. Vielleicht wird das Erbe von D&D auch zu schwer für die, die in der Hasbro-Fantasyspiel-Backstube "Wizards of the Coast" den Teig kneten. Erfolgsdruck lähmt.

Die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, mit der andere Verlage an neue Rollenspiele herangehen (beispielweise Goodman Games mit ihrem Dungeon Crawl Classics Roleplaying Game), kann von WotC nicht mehr "gestemmt" werden. Wie Joseph Goodman auf seinem durch D&D 3 und die OGL gefestigten Sockel können sie sich nicht hinstellen und sagen: "Das Spiel habe ich für mich gemacht, weil ich mir so mein Rollenspiel vorstelle. Wenn es auch anderen gefällt, dann freut es mich". Aber was für ein D&D könnte das wohl werden, wenn das Team um Mike Mearls diese Einstellung teilen dürfte?

Aber auch abseits der internen Probleme und Designpolitik wird das neue D&D angesichts so vieler toller und leidenschaftlicher Projekte und Spiele aus der OSR-Ecke sowie dem stark gewordenen und satt gefressenen Pathfinder einen schweren Stand haben. Und ich fürchte mich ein bißchen davor, dem irgendwann mal fertiggestellten Produkt vielleicht sagen zu müssen: "Next, please!"

8 comments:

  1. Hm, da habe ich wohl was angeregt. Zornhau hat ja auch schon die Nase voll. Bei dir hier finde ich ein paar Dinge wieder, die mir vorher gar nicht so bewusst waren, die mich aber auch stören. Untern Strich bleibt einfach, dass das Vorgehen irgendwie einen faden Geschmack hinterlässt. Die Variante bei PF, wo man mit fast fertigen und gelayouteten Produkten in den Test ging, funktioniert sicher besser. Aber PF wird für mich wohl nie eine grundsätzliche Alternative werden, denn dafür spielt es sich einfach zu ähnliche wie D&D 3 und das habe ich wirklich bis zum Erbrechen gespielt. Aber für die eine oder andere Runde, v.a. als Spieler wird es sicher zum Einsatz kommen.

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    1. Ich wollte schon länger was zu D&D NEXT schreiben und hatte einiges bereits als Entwurf formuliert. Als ich dann bei Dir im Blog den englischsprachigen Beitrag las (der mir gut gefällt), gab mir das den notwendigen Anstoss, meinen Artikel fertig zu stellen. Insofern: danke, Jan. ^_^
      Und ja, der Playtest von PF war damals ein eine andere Liga, das stimmt.

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  2. Hallo.

    Habe gerade eine Wall of Words wieder getilgt. Denn letztlich lässt es sich so zusammenfassen:

    WotC will nur Geld schneiden. Nicht mehr und nicht weniger. Und das kommt offenbar bei Dir an. Denn Begeisterung für ein neues Produkt sieht definitiv anders aus. Dass Du einen schalen Beigeschmack bei der ganzen Sache hast, das überrascht mich echt nicht. Für WotC steht nicht D&D im Vordergrund, sondern nur, wie die "Revenue" maximiert werden kann und in welchem Verhältnis die Marke "D&D" zu anderen WotC Produkten steht und nach Prognosen bestehen kann.

    Aber ist ja egal: Echte D&D Jünger reden WotC ja seelig, weil es bei Rollenspielprodukten ja nicht darum gehe, ein tolles Spiel zu spielen, sondern den Verlag dahinter auch dafür zu belohnen, indem man auf den Konsumirrsinn ... Ah, es geht wieder los. Deshalb beende ich das hier.

    Die beste D&D Edition für mich war und ist: AD&D 2nd Ed. Damit bin ich in die Rollenspielwelt geplatzt, das habe ich ein knappes Jahrzehnt intensiv und extensiv ausgespielt. Und in ferner Zukunft werde ich genau die Edition auspacken, mich mit Freunden an ihr spielerisch erfreuen, sogar wieder den Hut der Spielleitung ausetzen ... Und das hatte mich irgendwann mal irgendwas um die 70 oder 80 Macken (also etwa 40 Teuronen) gekostet, um es zu erhalten und vor allem ein absolut vollständiges Spiel in Händen zu halten ... Und gut is. D&D 3.x war toll; aber die vermeintlichen Vorteile gegenüber AD&D 2nd Ed wiegen die Nachteile in D&D 3.x nicht auf.
    Pfadfinder hat mich nie überzeugt, weil es nur Etikettenschwindel ist. Und D&D 4E ... Ja, ich hatte wohl zu viel Geld übrig. Mit D&D Next werde ich den Fehler wohl eher nicht wiederholen.

    *seufz* Schwer aufzuhören, wenn man über Verstorbene und ihre üblen Verwandten schreibt ...

    Liam

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    1. Wenn ich auch selbst meine Zweifel an Pathfinder hege, so sei aber für das Protokoll festgehalten: Pathfinder entstand u.a. aus dem Wunsch, auf Basis der OGL die Edition 3.5 weiter am Leben zu halten. Wenn also Etikettenschwindel, dann mit Ansage vor den Augen der Kunden. ;)

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    2. Granted. Ich will es nicht schlechter reden, als es ist. Und Paizo ist da jedenfalls etwas beeindruckendes gelunge, was ganz sicher zu dem 'zweifelhaften Erfolg' von D&D 4E sehr beigetragen haben dürfte. Meine Meinung, ne?

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  3. PF, DCC, auch SW zeigt, wie Open Playtest funktionieren, die vollmundigen und großspurigen Versprechungen von DnD Next waren marketingtechnisch dumm. Erst liefern, dann feiern.

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    1. Joar, das kann man wohl so sagen. Mich hat auch total abgetörnt, dass ich über den zweiten Playtest-Download gar nicht automatisch informiert wurde, obwohl ich mich eingetragen hatte. Anscheinend muss man sich wohl jedesmal neu eintragen!? Was für ein Dummfug.

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    2. Zornhau äußerte sich einen Tag vor meinem Artikel ebenfalls zur Sache:

      http://zornhau.rsp-blogs.de/2012/10/23/dd-next-playtest-zum-abgewohnen/

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