Saturday, 15 September 2012

Gesinnung, fremdgesteuert

Es begab sich auf dem NordCon in Hamburg vor einigen Jahren. Dort begegnete ich dem leibhaftigen Verbotsschild. In Form eines Spielleiters.

Dabei fing alles so vielversprechend an. Ich hatte an dem Nachmittag bereits schön Geld verprasst und suchte jetzt für die zeitliche Überbrückung bis zum Abend noch eine Spielrunde. Gemeinhin finde ich ja am Spielrundenaushang eher selten etwas, für das ich mich auf Anhieb in die Liste eintrage, doch dann hing vor mir ein Zettel, auf dem ein SL "HackMaster" anbot. Toll, es waren sogar noch Plätze frei! Und HackMaster-Runden kommen ja auch leider so selten vor. Endlich mal Spieler sein in dem System, Huzzah!

Erwartungsfroh steuerte ich zur vorbestimmten Zeit den Raum an, wo alles anfangen sollte. Ein paar Leutchen saßen bereits dort und fachsimpelten congerecht über Nerd-Dinge. Dann tauchte er auf, der SL. Etwas verwundert bemerkte ich da schon, daß er kaum Regelwerke dabei hatte. Wer HackMaster nicht kennt: es ist nicht gerade ein "Leichtgewicht" von Regelwerk(en) und stellt eine Art aufgebohrte AD&D-1st-Edition-Variante dar. Aber ich dachte so bei mir, vielleicht habe ich ja einen echten Crack-Spielleiter vor mir, der die Regeln aus dem Eff-eff beherrscht.
Doch der geweckte Argwohn sollte umgehend neue Nahrung erhalten - als der SL nämlich die Bögen mit den "vorbereiteten" Charakteren ausgab. Ich setzte das Wort absichtlich in Anführungszeichen, um die Ironie herauszustellen. Denn man konnte beim Anblick der Sheets zwar von vielem sprechen, allein nicht von irgendwelcher Vorbereitung. Auf dem an Eintragsmöglichkeiten und Spielwertangaben nicht gerade armen Charakterbogen standen gerade mal Rasse, Klasse, Gesinnung und Attributswerte. Wohlgemerkt: nur die Attributswerte, nicht jedoch die dazugehörigen Boni/Mali für Rüstungsklasse, Stangen verbiegen, etc.
Meine zu diesem Zeitpunkt noch freundliche Anmerkung, daß hier ja was fehle, winkte er mit einem "das ist nicht so wichtig" ab. Okay. Gut. Wir spielten zwar HackMaster, wo eine solche Äußerung seitens des SL sofort eine Steinigung durch die HMGMA (HackMaster Game Master Association) nach sich gezogen hätte, aber David Kenzer und die HMGMA waren weit. Und so spielte ich einen menschlichen Waldläufer der ersten Stufe, dessen Gesinnung Chaotisch Gut war, und nahm mir fest vor, trotzdem Spaß zu haben.

Mein Vorhaben in allen Ehren - aber es war schlicht nicht möglich. Ich habe die Details des Abenteuers größtenteils vergessen - es ging um ein Dorf, aus dem wir nicht mehr weg kamen, weil alle Wege in jede Richtung uns aufgrund eines Zaubers/Fluchs immer wieder dorthin zurück brachten, und wir waren somit "deus ex machina" verdammt, das Rätsel um verschleppte oder getötete Dorfbewohner zu lösen. Doch die Spaßbremse war das penetrante Nicht-Eingehen des SL auf das verwendete Spielsystem. Wir hätten genauso gut auch "World of Darkness" oder "DSA" spielen können - HackMaster kam nicht einmal zum Tragen. Mir wurde klar, wieso er die Charakterbögen so "lustlos" ausgefüllt bzw. eben nicht ausgefüllt hatte. Doch das Spielsystem war nicht das einzige, auf das der SL nicht einging. Auch die Handlungen unserer SC schienen ohne Belang. Alles wirkte, als würde er nicht wollen, daß wir etwas herausfinden. Kurzum: man bekam das Gefühl, der SL habe eigentlich gar keinen Bock zu leiten sondern wollte uns lieber an der Genialität seines erdachten Plots teilhaben lassen. Leider tat er das nicht, weder nebenbei noch durch die NSC. Stattdessen befleißigte er sich über die gesamte Zeit einer offensiven Aura von "ihr seid zu doof, meine tolle Idee zu durchschauen, da sie nämlich nur in meinem Kopf existiert und ich den Teufel tun werde, euch durch das Spiel Hinweise darauf zu geben".

Aber meine persönliche Leidensfähigkeit sollte noch weiter geprüft werden. Folgende Szene: mein Charakter argwöhnte während einer Nachtwache in besagtem "Fluchdorf", daß in einem der Häuser jemand oder etwas eingedrungen war und womöglich für den dort lebenden Bürger Gefahr drohte. Als ich sagte, daß ich mich anschleichen und versuchen würde, die Tür zum Haus zu öffnen, entgegnet der SL: "Dir ist schon klar, daß das Einbruch ist, oder?"
Mein Anblick - hätte man ihn auf Foto festgehalten - wäre sicherlich noch heute bei www.dummegesichter.de zu sehen. Zögerlich antwortete ich, daß mir das bekannt wäre, aber ich wolle ja nichts stehlen, sondern nach dem Rechten sehen. Also wiederholte ich verbal mein Vorhaben. Der SL, wohl unzufrieden mit meiner Äußerung, erwiderte: "du bist aber chaotisch gut - so eine Gesinnung macht das nicht". Ähem. Ich fragte ihn, ob er kürzlich nochmal die Gesinnung "chaotisch gut" gelesen hätte, doch er bestand darauf, daß meine Handlung ein Verstoß sei. Daraufhin meinte ich dann, daß es mir letztendlich egal wäre, mein Charakter würde jetzt gern in das Haus eindringen, um nach dem Rechten zu sehen (zumal auf Klopfen seitens anderer Gruppenmitglieder niemand öffnete). Der SL würfelte die Probe aufs Türenöffnen selbst und verkündete lapidar, ich bekäme sie nicht auf. Ich machte mir an der Stelle so meine Gedanken.

Etwas später waren wir dann alle (die Spieler wie die Charaktere) so frustriert, daß wir nochmal den dauernd kryptisch wie arrogant sprechenden und lethargisch wirkenden Bürgermeister zur Rede stellen wollten. Wir vermuteten, daß er uns etwas verschwieg. Während einer kleinen Rollenspiel-Einlage sagte ich für meinen Charakter, daß er jetzt zornig den Bürgermeister von hinten an der Schulter packt, um ihn zu sich umzudrehen und dann wütend anschreit. Bei der Entgegnung des SL wären mir fast die Würfel aus der Hand gefallen, hätte ich sie in dieser Runde benötigt: "Das würde Dein Charakter nicht tun". Oh doch, versicherte ich ihm, genau das mache mein Charakter jetzt. "Nee, aber das ist ein Angriff, und Du bist chaotisch gut." Fassungslos und unter Aufbringung aller Freundlichkeit sagte ich ihm, daß dies Mumpitz wäre. Das sei kein Angriff und ich wolle den Bürgermeister auch nicht mit der Absicht packen, ihm Schaden zuzufügen. Und überhaupt: was mein Charakter täte und was nicht, sei meine Entscheidung. An der Stelle schritt dann ein anderer SC beschwichtigend ein.

Für mich aber war hier Schluß, denn ich mußte (nein: konnte!) nun diese Runde verlassen, da mein bereits gebuchter Brettspiel-Termin für Twilight Imperium anstand. Wenn ich je der fleischgewordenen Berufsverfehlung des Rollenspiels begegnet bin, dann war es dort - an einem heißen Sommertag 2008 in Hamburg.

6 comments:

  1. Wow. Das war wirklich starker Tobak. Es ist schon sehr merkwürdig, wie so eine Haltung entstehen kann. Versteh ich nicht. Aber in der Runde wäre ich auch ohne Anschlusstermin früher gegangen.

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    1. Ja, der Wunsch nach Distanz wuchs auch mit jeder Minute. Mich hat wohl die Nächstenliebe daran gehindert, zu gehen. Oder ich befürchtete, die Runde zu sprengen. Ich weiß es heute leider nicht mehr. Ich traf den SL später nochmal auf dem NordCon wieder. Er übte sich in Erklärungen und ich habe ihm (freundlich) die Meinung zur Runde gesagt.

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  2. Punkt 1: Wenn "Chaotisch Gut" nicht Türen einrennt bzw. nicht mal ansatzweise handgreiflich werden darf, was darf dann "Rechtschaffen Gut" oder "Neutral Gut" nicht? Atmen (Verbrauchen lebenswichtiger Ressourcen für andere), Leute ansprechen ("Guten Tag" könnte ja als Beleidigung begriffen werden ...)?
    Punkt 2: Selbst Rechtschaffen Gute Charaktere (egal ob in AD&D oder Hackmaster) dürften solche Dinge tun - ggf. mit einer entsprechenden Belastung ihrer Gesinnung, aber keineswegs mit einem Auto-Gesinnungswechsel oder Eingriff durch den Spielleiter. Denn Gesinnungen sind Maßstäbe, aber nicht fest programmierte Verhaltensvorgaben.

    Dieser Spielleiter rangiert in der Kategorie: Epic Fail!
    Aber solche Spielleiter gibt es angesichts des von mir viel zu häufig beobachteten Phänomens des Spielleitermangels leider auch. Das Gute daran: Sie bleiben nicht graue Theorie, sondern sind messbare und existente Größen zum Vergleich bzw. zur Abgrenzung.

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    1. Ja, die Debatte um "Gesinnungen" ist wohl eine der ältesten der Rollenspielgeschichte. Zwangsjacke für die einen, lockere Richtlinie für die anderen. Aber in meinem speziellen Fall wurde die Gesinnung glasklar vollkommen falsch verstanden. Und in diesem Fall passt die Anmerkung: RTFM! ;)

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  3. Lass mich raten: Er hat sich mit "Ich bin mehr so der Storyteller und Stimmung ist mir total wichtig" vorgestellt oder so ähnlich... ;)

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    1. Ich halte nicht damit hinterm Berg, daß ich mich vom typischen, deutschen "Stimmungsspiel" distanziere, aber dermaßene Unfähigkeit werfe ich nicht mal den übelsten Storytellern vor! ^_^
      Im Nachhinein wünschte ich, er hätte wenigstens 'ne Story erzählt...

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