Friday, 7 September 2012

Beautiful Monster

HACKLOPEDIA OF BEASTS
Quellenbuch für das HackMaster-Rollenspielsystem
(c) 2012, Kenzer & Co., Hardcover, 385 Seiten, vollfarbig



I. Einleitung
Die Hacklopedia of Beasts (oder kurz: HoB) ist das "Monsterhandbuch" und damit das erste vollständige Werk des neuen HackMaster-Systems. Mit HackMaster Basic wurden die Grundregeln für Charaktere bis Stufe 5 veröffentlicht, mittlerweile ist aber nach dem HoB auch das Player's Handbook erschienen, das alle Regeln für die Stufen bis 20 enthält und das Grundregelwerk der neuen Edition darstellt. Dies werde ich in einem gesonderten Beitrag noch ausführlich besprechen.  HackMaster ist die Neuauflage des gleichnamigen Rollenspiels von 2001, das als augenzwinkernde Weiterentwicklung von AD&D auf den Markt kam. Hierzu wurden Kenzer & Co. die Rechte zur Verwendung der alten AD&D-Spielregeln von WotC überlassen. Mit Ablauf dieser Lizenz baut das neue HackMaster auf seiner eigenen Engine auf, die zuvor von Kenzer & Co. mit ihrem Wild-West-Rollenspiel Aces & Eights getestet wurde.


II. Aufmachung & Ersteindruck
Haut einen schlichtweg aus den Socken. Sachlicher kann ich es nicht sagen. Die HoB ist eines der schönsten Bücher, das ich in knapp 30 Jahren Rollenspielhobby bisher in den Händen hatte. Das schwere Hardcover besitzt einen mit Schuppenmuster geprägten Einband, der lederartig anmutet und sich wertig anfühlt. Ein grünes Monsterauge blickt dem Leser vom Cover entgegen und die einzigen Lettern (mit dem Buchtitel) befinden sich als Goldprägung auf dem Buchrücken.
Doch auch hinter der Fassade steckt ein Augenschmaus. Alle gedruckten Hochglanzseiten sind vollfarbig und weisen einen bräunlich-vergilbt wirkenden Rahmen auf, auf dem scheinbar an den Rändern unregelmäßig eingerissene Pergamentseiten liegen. Dadurch ist der Buchtext auf hellerem Beige gedruckt und läßt sich angenehm lesen. Die Bindung ist von höchster Qualität, wodurch das wuchtige Werk artig aufgeklappt liegen bleibt.
Zur Gliederung und dem Layout kann man auf den ersten Blick sagen: funktional und übersichtlich, hier wurde der Nützlichkeit und Verwendung am Spieltisch die erste Priorität erteilt. Doch dazu im Einzelnen später mehr.


III. Fluff
Die HoB präsentiert sich teilweise als "in-game" Werk, da viele der Beschreibungen aus der Feder von NSC aus der HackMaster-Welt "Tellene" stammen. Zuvorderst ist das Greytar der Sanfte, ein Zauberer und Gelehrter. Aus seiner eloquenten Feder stammen die meisten der Beschreibungen, die er auf seinen Reisen durch die Welt aufgezeichnet hat. Als "Assistenten", deren Anmerkungen und Beobachtungen er im Buch jeweils mit einem eigenen Zeichen gekennzeichnet hat, standen ihm zur Seite:
  • Dealaan Daarmae, ein reanaarischer Meisterdieb, der gern mit List und Heimlichkeit Monster um ihre Schätze bringt
  • Helena Vitira, Klerikerin der Ewigen Laterne, deren besonders Interesse den Kreaturen der Nacht gilt
  • "The Ravager", das Pseudonym einer Kriegerlegende, dessen zahlreiche Abenteuer der Stoff für Mythen sind - seine Aufzeichnungen drehen sich vornehmlich um die "kämpferische Behandlung" der Kreaturen
  • Dorran Randril, ein brandobischer Druide und Kräuterexperte, der Greytar sein Reisetagebuch für dessen Arbeiten überließ
  • Larzon Bayz, ein hünenhafter Kopfgeldjäger, "Problemlöser" und Jäger, der es insbesondere auf humanoide Monster abgesehen hat

Greytar the Gentle


Im HoB wird jeder Kreatureneintrag mit einer kurzen Anekdote (z.B. ein Reisebericht über Erlebnisse mit der Kreatur) von einem der eben genannten Charaktere eingeleitet. Diese sind stets vergnüglich zu lesen und nehmen auf viele Aspekte des Settings Bezug. Darauf folgt der Sachtext über das Wesen, sein Habitat und Sozialgefüge, seine Kampftaktiken, Sprachen, Ernährung und Stellung in der Nahrungskette. Hier wird auch auf Subspezies und deren Besonderheiten eingegangen. Vermittlung von spielrelevanten Informationen ist die Hauptaufgabe dieses Textes - und das macht er äußerst effizient und gebündelt, manchmal mit überraschenden Details: wo wird z.B. sonst auf die äußeren Geschlechtsmerkmale von Gnollen eingegangen? Zu diesen Informationen gehören auch jeweils zwei Abbildungen, die man für (fast) jedes Monster findet: einmal die von ihm hinterlassenen Spuren oder Abdrücke (Hufe, Tatzen, Füsse, etc.) sowie ein Größenvergleich mit Maßstabsangabe (als Referenz dient ein durchschnittlicher Mensch). Wie oft habe ich sowas z.B. bei D&D vermisst, wo die Kategorien "Large" oder "Huge" allein nicht immer aussagekräftig genug waren. Des Weiteren findet sich ein Eintrag speziell zu der Standard-Spielwelt "Tellene", der darlegt, wie sich dieses Wesen dort einfügt - ergänzend dazu gibt es auch eine Weltkarte, auf der das Verbreitungsgebiet des Wesens markiert ist.
Die Schreibe ist bisweilen auch "fachlich" und bedient sich z.B. einiger Termini aus Biologie und verwandter Fachgebiete. Diese sind aber vorbildlich in einem Anhang allesamt erklärt. Generell trifft die Art und Weise der Kreaturenbeschreibungen exakt meinen Geschmack. Statt nebulöser, verquaster "Stimmungstexte" gibt es hier die aufbereiteten Fakten in klarer Form, wodurch eine maximale Nützlichkeit für das Spiel und den SL gewährleistet wird. Aber auf die "Atmosphäre" muss man ja nicht verzichten, denn dafür gibt es - wie gesagt - die zahlreichen Texte von Greytar und anderen.

IV. Crunch
Abgesehen von einigen spieltechnischen Informationen, die sich auch im oben beschriebenen Sachtext zur Kreatur finden, stehen die gebräuchlichen Spielwerte allesamt am rechten Rand jeder Doppelseite eines Monstereintrags. Dort sind die allgemeinen Spielinfos abzulesen (z.B. der Aktivitätszyklus, Wahrnehmung, Moral oder die typische Anzahl bei einer Begegnung). Dieses Format erinnert an die Monstereinträge in vielen Kreaturenhandbüchern, allen voran (Advanced) Dungeons & Dragons. Ferner bedient sich HackMaster eines neu eingeführten Formats - der sogenannten "Kampfrose" (siehe oben rechts in der Abbildung des aufgeklappten Buches). Ähnlich wie beim Namensvorbild wird hier in vier "Himmelsrichtungen" auf einen Blick alles Kampfbezogene zum Monster dargestellt. Daneben findet sich dann noch ein knapper "stat block" mit weiteren Spielwerten, etwa Intelligenz, Gewicht oder Bewegungsweiten.
Spannend wird es dann nochmal mit dem letzten Wertekasten - der "Ergiebigkeit". Dieser zeigt, was man bei dem Monster erbeuten kann. Sowohl dessen Erfahrungspunkte, seine typischen, getragenen oder im Lager versteckten Schätze, was sein Fell/seine Haut/seine Hörner wert sind als auch die Verwendung einzelner "Teile" zu medizinischen oder magischen Zwecken. Und natürlich, ob die Kreatur essbar ist. Großartig!
Es bleibt festzustellen, dass alles Spielrelevante übersichtlich und leicht auffindbar dargestellt und aufbereitet wurde. Damit bekommt das HoB einen weiteren Pluspunkt in Sachen Nützlichkeit.


V. Artwork
Das ist natürlich Geschmackssache, aber meinen Nerv treffen diese Monsterabbildungen 100%ig. Ein einzelner Künstler, Anthony Carpenter, hat alle Kreaturen illustriert, wodurch ein einheitlicher Look entsteht. Die meisten sind schwarz-weiß (bzw. dunkelbraun auf hellbraun), doch einzelne Monster werden auch farbig dargestellt. Und Carpenters Stil finde ich vortrefflich, seine Strichzeichnungen und Schraffierungen vermitteln punktgenau die Stimmung, Wildheit und Schroffheit, die dem neuen HackMaster quasi als Tenor unterliegen. Sie lassen jede Kreatur äußerst lebendig und dynamisch wirken, sind nicht überladen mit Details (wie etwa Reynolds' Bilder in Pathfinder) und erscheinen daher authentisch und glaubwürdig. Carpenter zählte schon vorher zu meinen liebsten HackMaster-Artists und mit diesem Werk hat er sich fast unsterblich gemacht.

VI. Sonstiges
Soviel mehr gibt es nicht über das HoB zu berichten. In den Anhängen findet sich noch einiges Nützliche, nämlich ein Leitfaden zur Individualisierung von humanoiden Monstern (um Variationen in z.B. die Orks zu bringen), die Kampfrosen von Anführern humanoider Monster (also z.B. die Werte eines Rudelführers von Gnollen, der natürlich tougher ist als das normale Pfotenvolk), ein "Auch-bekannt-als"-Führer, der alternative und regional gefärbte Namen für Kreaturen auflistet sowie ein Glossar mit Begriffserklärungen. Schließlich rundet eine Tabellenauflistung aller verzeichneten Monster zum schnellen Nachschlagen dieses monströse Werk ab.

DAS FAZIT
Ich würde sagen, wir haben hier mit dem HoB das aktuell definitive Werk in Sachen Monsterhandbuch vorliegen. Obwohl ich auch andere Kreaturenbücher äußerst schmuck finde (etwa das Bestiary für Pathfinder), hat mich lange keins mehr so geflasht wie das HoB. Geschmacksfragen außen vor, bedienen Kenzer & Co. mit diesem Buch mustergültig alle Anforderungen an ein nützliches, spieltaugliches, informatives und spannendes Kompendium von Lebewesen zu einem Fantasy-Rollenspiel. Dazu noch die hochwertige Verarbeitung mit exzellenter Bindung und Robustheit. Sie haben also ihre Hausaufgaben mehr als gemacht. Ich habe bislang nichts vermißt, aber vieles gefunden, dass ich nicht erwartet hätte. Und so soll es sein.
Well done. Well done, indeed!

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